Mit dem „Speckjäger“ rund Seeland

„Während der Regatta fragt man sich manchmal, warum man sich diese Strapazen eigentlich antut. Aber mit ein paar Tagen Abstand stellt sich die Frage nicht mehr und man ist stolz, durchgehalten zu haben und macht im nächsten Jahr wieder mit.“ So begrüßt uns Wettfahrtleiter Michael Frank Hansen Ende Juni im Segelclub von Helsingör nördlich von Kopenhagen. Er selbst hat schon mehr als 30 Mal an der Regatta Rund Seeland teilgenommen und sie in den 1980er Jahren auch mal gewonnen. Jetzt freut er sich, dass 147 Boote aus Dänemark, Schweden und Deutschland in zehn Kategorien gemeldet haben.

 

Die Idee zur Regatta „Sjaelland Rundt“ entstand aus Protest gegen die deutsche Besatzer im Zweiten Weltkrieg, die das Segeln östlich der dänischen Hauptinsel Seeland verboten hatten, um den Schmuggel über den Öresund nach Schweden zu unterbinden. Die Regatta entwickelte sich zur größten Regatta der Welt, als im Jahr 1984 die Rekordzahl von 2081 Booten startete. Damals kam im Sturm nicht einmal jedes zweite Boot ins Ziel, es gab Dutzende Mastbrüche und Personen über Bord, die zum Glück alle gerettet werden konnten. Sechs Boote strandeten, zwei sanken.

 

Seitdem gingen die Teilnehmerzahlen wieder zurück bis sie im Jahr 2003 mit nur noch 17 Booten ihren Tiefpunkt erreichten. Inzwischen sind in Dänemark neue populäre Regattaformate wie Silverrudder und Vegvisir entstanden, die mit Sponsoring und Präsenz in den sozialen Medien um Teilnehmer buhlen. Rund Seeland kommt etwas traditioneller und behäbiger daher, ist aber ein fester Termin im dänischen Regattakalener. Die Teilnehmer reichen von Einhandseglern, Familiencrews mit regulären Fahrtenbooten (meist über 30 Fuß), einigen Chartermannschaften mit unübersehbaren Manöverschwächen bis hin zu professionellen Racing Teams auf modernsten Carbon Rennern.  

 

Unser Boot ist ein Spaekhugger, ein 7,44 Meter langer Spitzgatter mit Löffelbug und Kanuheck, dessen Kielform an Rücken und Finne eines Schwertwals (Orca) erinnert. Der wird in Dänemark wegen seines Verzehrs von Robben und Pinguinen als Speckjäger, so die Übersetzung des Namens, bezeichnet. Der Spaekhugger wiegt knapp 2,3 Tonnen bei immerhin 40 Quadratmetern Segelfläche am Wind und ist eine dänische nationale Klasse und das drittkleinste Boot am Start. Es ist wegen eines Ballastanteils von 60 Prozent auch bei viel Wind sicher zu segeln. Insgesamt starten neun Speckjäger, aber leider kein weiterer in der von uns gemeldeten Kategorie „double hand racing“. Die anderen segeln meist zu viert und starten erst nach uns. Alle fahren im Gegensatz zu uns die Regattaversion, während unser Tourenboot ein anderes Kajüt- und Cockpitlayout hat. Als einzige haben wir Außenbordmotor und Sprayhood dabei.

Foto: Thorpen Schult

War früher die Richtung der Umrundung Seelands von vornherein festgelegt, wird sie seit einigen Jahren erst unmittelbar vor dem Start bekannt gegeben. Wettfahrtleiter Hansen entscheidet sich jetzt für linksherum. Bei dem nordwestlichen Wind von 4 bis 5 Beaufort und Wellen von bis zu 1,5 Höhe müssen wir die ersten Stunden gegenan kreuzen. „Dann habt ihr aber das Anstrengendste hinter euch,“ verspricht er bei der Steuermannsbesprechung. Dabei hatten Dirk und ich uns schon auf den Ritt unter Spinnaker durch den Öresund an Kopenhagen vorbei gefreut.

 

Schon vor dem Start machen wir einen Fehler: Wir setzen die Genua und binden dafür das erste Reff ins Großsegel, weil wir von abnehmendem Wind und bald raumerem Kurs ausgehen. Doch beides trifft erst nach acht Stunden ein. Mit Normalfock und ungerefftem Groß sind die anderen Spaekhugger schneller, wie wir nach fünf Stunden feststellen müssen, als uns die ersten aus der 40 Minuten nach uns gestarteten Gruppe überholen. Wegen starken Gegenstroms hatten wir so dicht wie möglich unter Land gekreuzt. Wer in den Öresund hinausfuhr, wurde gnadenlos ausgebremst. Schon zu Beginn ging ein Boot auf Grund, bei einem Einhandsegler kam bald der Mast von oben. Als wir ihn passieren, hat er das Boot bereits per Anker gesichert und wartet auf einen Schlepp in den Hafen. Jedes Boot hat einen GPS-Tracker bekommen und da wir nahe der Küste segeln, können alle die Regattaleitung und die dänische Seenotleitstelle sogar per Handy erreichen.

Foto: Sven Hansen

Ab Sjaellands Odde geht es dann endlich auf den Spinnaker-Kurs. Der ist zunächst ziemlich spitz. Bei der ersten Bö läuft mir gleich das Boot aus dem Ruder, in der zweiten Bö kommt der dann leider Spi von oben und der Spaß ist vorbei. Der Schnappschäkel am Fall hatte sich im Masttop am Vorstag verklemmt und unter Belastung geöffnet, doch zuvor leider noch das Vorstag angerissen. Fünf der 19 Kardele sind gebrochen. Vom Deck aus sehen die abstehenden Drähte am Masttop wenig vertrauenswürdig aus.

 

Wir überlegen kurz, das Rennen aufzugeben. Doch nach einem Blick auf die Wettervorhersage, demnach uns hauptsächlich raume Winde bis maximal fünf Windstärken bevorstehen, beschließen wir den Mast mit einer Dyneemaleine parallel zum dünnen Fockdraht provisorisch abzusichern und weiter zu segeln. Schließlich geht es in erster Linie ums Durchhalten und Ankommen, eine gute Platzierung können wir ohne Spifall natürlich vergessen, wenn wir pro Stunde bis zu zwei Knoten langsamer sind als die Konkurrenz. Die anderen Boote mit Spinnaker verschwinden am Horizont oder überholen uns nach und nach, während wir klassisch per Schmetterling mit ausgebaumter Genua mit bis zu 8 Knoten bei einem wunderschönen Sonnenuntergang die Wellen runterrutschen.

Foto: Sven Hansen

Immer wieder lösen wir uns ab, jeder kann erstaunlich viel schlafen, geweckt wird nur zum Halsen. Es geht unter der Großen-Belt-Brücke durch und später in den flachen Bögeströmmen mit seinen drei Brücken und dem engen Fahrwasser. Hier lassen die Veranstalter nur Boote mit bis zu 1,70 Meter Tiefgang durchfahren, die größeren müssen noch um die Insel Mön herum. Wir haben erstmals weniger Wind und viel Sonne, für uns das reinste Holiday Sailing. Schwitzen zu Hause in Berlin die Menschen gerade bei 38 Grad, haben wir hier angenehme 27. Wir finden Abkürzungen entlang der 2-Meter-Tiefenlinie auf der elektronischen Seekarte außerhalb des engen Fahrwassers und sparen so einige hundert Meter.

 

Kurz vor Kopenhagens Flughafen Kastrup an der Öresundbrücke schiebt sich das Regattafeld wieder zusammen. Die ersten Boote hatten mehrere Stunden in einer Flaute geparkt. Von hinten kommen jetzt auch die schnellen großen Boote auf, die den längeren Kurs hatten segeln müssen. Plötzlich sind wir, denen die Flaute erspart geblieben war, wieder mitten im Feld. Gerecht ist das nicht, aber bei anderen Wettfahrten hatten wir das auch schon anders herum erlebt. An Backbord sind unter Land Windstreifen zu erkennen und so fahren wir in der Einflugschneise des Flughafens an nicht wenigen Konkurrenten vorbei, die noch bleiern in Lee in der Flaute hängen. Danach geht es nur noch die letzten 30 Meilen auf einem Anliegekurs ins Ziel in Helsingör, vorbei an einem Offshore Windpark und entlang von Verkehrstrennungsgebieten der Berufsschifffahrt.

 

Um 2:30 Uhr sind wir nach 221 Seemeilen im Ziel. Nach berechneter Zeit haben wir damit in unserer kleinen Startgruppe der Zweimannteams sogar gewonnen, weil die schnellen Boote, die uns unter Spinnaker enteilt waren, vor uns in der Flaute versackt sind und erst mit uns durchs Ziel gingen. Manchmal gibt es einfach Glück im Pech.

Sven Hansen